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Umsonst um die Welt

Wiebe Wakker reist seit zwei Jahren von den Niederlanden nach Australien. Ohne Sprit - und ohne Budget!

16. Mai 2018

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Seit März 2016 ist Wiebe Wakker jetzt schon im Elektroauto unterwegs. Er hat kein Geld dabei. Wie das geht? Durch nette Menschen auf der ganzen Welt. Diese laden ihn ein, bei ihnen zu übernachten, zu essen und sein Auto aufzuladen. Uns hat er erzählt, wie er auf diese verrückte Idee gekommen ist, wie oft er Hunger hat, und was er am meisten vermisst.

Wiebe Wakker

Wiebe hat Eventmanagement studiert, und "Plug me In" ist sein Abschlussprojekt

Ways2Live: Wiebe, wie bist du auf die Idee zu diesem ungewöhnlichen Trip gekommen?

Wiebe: Ich war schon immer ein leidenschaftlicher Traveller. Bei meinem Eventmanagement-Studium habe ich dann viel über Storytelling und das Kreieren von Erfahrungen gelernt – so kam mir langsam die Idee für diesen Trip.

Ich hatte dazu das Glück, mein Studium im sogenannten „Entrepreneurslab“ zu beenden. Hier schreibt man seine Thesis, während man parallel ein eigenes Unternehmen oder Projekt startet. Ich habe einfach einen Professor angesprochen und ihm von meiner Vision erzählt - dass ich für mein Projekt um die Welt reisen möchte. Dass ein Professor so ein verrücktes Vorhaben genehmigt, gibt es wahrscheinlich nur an der Universität of Arts.

Warum wolltest du mit einem Elektroauto fahren?

Dafür gibt es ganz verschiedene Gründe.

Ich habe mich zu dieser Zeit immer mehr für Nachhaltigkeit interessiert. Früher fand ich das langweilig, Bei einem Praktikum an der ID&T, eine Eventfirma, habe ich gesehen, dass man echt coole Vorhaben realisieren kann. Die hatten zum Beispiel einen nachhaltigen Dancefloor gebaut: Die durch die tanzende Menge entstehende Energie betreibt wiederum das gesamte Festival. Total cool!

Außerdem war ein armer Student, also brauchte ich einen Weg, es ohne Budget durchzuziehen. Da kam mir die Idee mit dem „Plug Me In“.

Irgendwann war klar: Ein elektrisches Auto ist das perfekte Fahrzeug für meinen nachhaltigen Roadtrip: Es ist leise, kraftvoll, High-Tech. Alles Dinge, die ich mag. Ich liebe auch das Autofahren. Diese Freiheit, überall hinfahren zu können, wohin man möchte....

Wie lange hat es gedauert, alles zu organisieren?

Mein Studium hatte ich im August 2014 mit der Thesis über dieses Projekt erfolgreich abgeschlossen. Es brauchte dann noch 1,5 Jahre, um diesen Trip zu organisieren, vor allem das Bauen der Website und das Auftreiben von Sponsoren hat Zeit gebraucht. Im März 2016 konnte es dann endlich losgehen.

Die bisherige Route von Wiebe - die roten Punkte sind Personen, die sich freiwillig als Hosts angeboten haben

Erzähl doch mal, wie das genau funktioniert - für die Leute, die gerne mitmachen wollen!

Interessierte können meine Website plugmeinproject.com besuchen. Dort gibt es eine Karte, auf der kann man seine eigene Location markieren. Man kann mir ein Essen anbieten, einen Platz zum Schlafen oder eine Steckdose für das Auto.

Durch diese Helfer entsteht auch die Route, denn ich reise von Steckdose zu Steckdose.

Meine Route definiert sich allein durch die Helfer, die mir Strom anbieten!

Im tiefsten Iran fällt das knallblaue Elektroauto doch ein wenig auf

Wie hast du das Projekt denn bekannt gemacht, damit du genug Leute hattest, bei denen du schlafen konntest?

Ich verlasse mich komplett auf die sozialen Netzwerke. Als ich meine Website gelaunched habe, wurde sie sehr schnell unter e-Auto-Enthusiasten geteilt. Den meisten Besitzern eines Elektroautos gefiel meine Idee sehr. So hatte ich bereits ein paar Plätze zum Schlafen, bevor ich überhaupt losgefahren bin.
Die meisten Angebote kamen aus Ländern wie Holland, Deutschland, Italien, Schweiz, Österreiche und Skandinavien, aber auch aus exotischeren Ländern wie der Mongolei, Thailand, Brasilien, Australien. Sogar aus dem Irak wurde Hilfe angeboten.
Die ersten 4 Monate konnte ich jeden Tag von Host zu Host reisen. Bei einer Reichweite von 200 Kilometern ist das ziemlich gut.

Das klingt ja alles super easy.

Meistens war es das. Aber in Russland wurde es schwieriger, die Menschen sind dort schwerer zu erreichen. Bevor ich in ein Land komme, update ich in der Regel meine Facbeook Seite mit einem Post à la „Nächste Woche komme ich in Russland an, ich habe ein paar Hosts, aber suche noch ein paar, um das Land bereisen zu können“. Meine Follower taggen Freunde, die sie dort kennen, oder teilen meinen Post. Das hilft.

Gab es trotzdem mal Engpässe? Dass du nicht wusstest, wohin? Oder dass du Hunger hattest?

Es passiert oft, dass ich bei einem Host aufwache und mein nächster sehr weit weg ist. Ich frage öfter einfach bei Leuten in der nächsten Stadt nach einem Snack, aber es passiert schon mal, dass ich für drei Tage kein Essen habe. Ich habe zwar ein paar Notrationen im Auto, aber die möchte ich nur im Notfall anrühren. Zum Glück war das bisher auch noch nicht notwendig. Ich habe dann auch mal in Mülltonnen gekramt oder einmal sogar bei einem Restaurant für eine Mahlzeit die Teller gewaschen, als ich wirklich Hunger hatte.

Hat dich die Reise verändert?

Ja, das hat sie wirklich. Der Trip hat meine Sicht auf Kulturen und Religionen verändert. Ich habe mehr Glauben an die Menschheit, seit ich gesehen habe, dass es so viele hilfsbereite Menschen gibt.
Außerdem habe ich viel über Disziplin gelernt. Ich mache alles alleine, und das ist viel Arbeit.

"Ich habe auch schon mal für eine Mahlzeit im Restaurant Teller gewaschen oder in Mülltonnen gekramt."

Was waren die interessantesten Begegnungen bisher?

In den vereinigten Arabischen Emiraten wurde ich von Scheichs eingeladen. Der erste wurde „Der Grüne Scheich“ genannt, ein Mitglied der Königlichen Familie von Ajman. Eigentlich hatte ich sein Team angesprochen, weil ich ihn gerne interviewen wollte, denn der „Grüne Scheich“ ist sehr aktiv im Umweltschutz in den UAE und darüber hinaus. Sein Team sagte mir, dass er gerne seine spirituelle Energie mit mir teilen möchte. Aus dem einstündigen Interview wurde dann ein ganzer Abend voller Gespräche in seiner Residenz.

Vor der Dubaier Skyline

Ein anderer Scheich hat mich mit zu Kamelrennen und einem Ausflug durch die Dünen mitgenommen. Beides war eine echt tolle Erfahrung.

Bevor ihr fragt: Die freundlichsten Menschen habe ich übrigens im Iran angetroffen. Ich wurde dort überall mit offenen Armen empfangen. Mit einigen Iranern stehe ich immer noch in Kontakt. Sie folgen mir auf Facebook und checken regelmäßig, wo ich gerade bin.

Durch welche Länder bist du bisher gereist?

Durch 29 Länder bisher: die Niederlande, Belgien, Deutschland, die Schweiz, Italien, San Marino, Österreich, Dänemark, Schweden, Norwegen, Finnland, Russland, Litauen, Lettland, Polen, Ukraine, Moldavien, Romänien, Bulgarien, Türkei, Iran, die UAE, Oman, Indien, Bangladesh, Myanmar, Thailand, Malaysia, Singapur. Mein Ziel ist Australien, da werde ich auch bald ankommen.

Abgeschleppt: Nur, wenn es absolut nicht anders geht, wird auf Benzin zurückgegriffen

Wieviel Geld gibst Du so aus?

Pro Monat in etwa 150 Euro. Das geht hauptsächlich für das Auto, Krankenversicherung und Wasser drauf.

Das klingt alles sehr spartanisch. Wie kann man sich einen typischen Tag auf deiner Reise vorstellen?

Jeder Tag ist eigentlich komplett unterschiedlich. Wenn ich „on the road“ bin, stehe ich gegen sechs Uhr auf und arbeite ein paar Stunden an meinen Filmen. Dann frühstücke ich mit meinen Hosts und fahre wieder los. Während der Fahrt halte ich gelegentlich und  mache ein paar Fotos oder nehme ein Video oder so auf. Beim nächsten Host komme ich meist gegen Nachmittag an, dann quatschen wir viel, essen zu Abend oder ich besichtige noch irgendeine Sehenswürdigkeit.
In Städten ist es anders. Dann verbringe ich meine Zeit meist damit, mir nachhaltige Projekte und Initiativen anzuschauen. Dabei recherchiere ich zuerst ziemlich viel, kontaktiere Unternehmen, die ich interviewen möchte, und verbringe dann viel Zeit damit, die Gespräche zu führen und die Filme zu schneiden.

Wiebe in seinem Elektroauto in der berüchtigten Kao San Road in Bangkok

Schon ganz schön weit gekommen - vor den Petronas Towers in Malaysia

Du bist jetzt schon zwei Jahre auf Reisen. Vermisst du etwas, Luxus oder Annehmlichkeiten zum Beispiel? Freust du dich schon darauf, wieder nach Hause zu kommen, oder könnte der Trip für dich ewig so weitergehen?

Ich vermisse sicherlich meine Freunde und meine Familie, habe aber kein Heimweh. Wirklich nicht. Dieses Abenteuer ist so großartig, und es wird jeden Tag besser. Es ist das Größte, was ich bisher in meinem Leben gemacht habe, und ich will es voll auskosten. Das Witzige ist: Immer, wenn ich mit Freunden daheim spreche, sagen sie mir alle, dass sich nichts wirklich verändert hat und ich daheim nichts verpasse.
Ich vermisse gewisse dänische Delikatessen, ein Fußballspiel mit meinen Freunden zu schauen oder eine gute Hausparty. Andererseits habe ich diese Dinge noch so viele Jahre nach dieser Reise. Das Einzige, was ich wirklich richtig vermisse, sind die Hochzeiten oder Geburten bei engen Freunden, bei denen ich nicht dabei sein kann. Das zeigt mir gerade ganz klar, was das Wichtige im Leben ist.

Interview

Jennifer Köllen, Richard Meyer

Bild

Wiebe Wakker

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www.plugmeinproject.com

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