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Interview mit Gwen und Patrick von "WEIT"

Als Paar um die Welt trampen - und dann kommt ein Baby.

16. Juli 2018

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Ihre Dokumentation "WEIT - Die Geschichte von einem Weg um die Welt" lief 2019 in gefühlt allen Open Air Kinos. Meist ausverkauft! ways2live hat Gwen und Patrick in Freiburg getroffen.

Gwendolin Weisser und Patrick Allgaier

...waren ein Jahr zusammen, bevor sie für drei Jahre auf Weltreise gingen.

Drei Jahre sind Gwen (26) und Patrick (35) um die Welt gereist, 100.000 Kilometer weit. Mal per Anhalter, Fuß oder Schiff, mal im gekauften Bulli. Durch Länder wie Pakistan, Indien, Mexiko. Dort ist dann auch Bruno zur Welt gekommen, ihr Sohn.

Ihre Erlebnisse hat das Paar verfilmt, WEIT war 2017 der erfolgreichste Dokumentarfilm Deutschlands. Sie waren gefühlt überall, jetzt leben Gwen und wieder in einer Provinz bei Freiburg, sitzen vor mir und schlürfen an ihren heißen Cappuccinos. Back to normal? Unter Reiseliebhabern werden sie gehypt. Das hat sie offenbar nicht verändert. Vor dem Interview geben wir uns die Hand, danach umarmen wir uns.

Hat sie das Reisen so warmherzig gemacht? Oder kann man nur so lange ohne Probleme reisen, wenn man den Menschen sofort sympathisch ist?

Im Interview
Gwendolin Weisser und Patrick Allgaier

Ihr seid drei Jahre lang zusammen gereist. Wie lange wart ihr ein Paar, bevor ihr losgefahren seid?

Beide: Ein Jahr.

Nicht allzu lange. Ihr seid viel getrampt, das war auch stressig. Mal habt ihr kaum geschlafen, hattet Hunger, wart dreckig. Oder es war schweinekalt und ihr wurdet stundenlang nicht mitgenommen. Habt ihr euch da nicht oft angezickt?

Gwen: Doch. Aber wir haben schnell gemerkt, dass wir uns immer genau dann gestritten haben, wenn solche Faktoren zusammengekommen sind. Wir wussten, dass es nichts persönliches ist. Nur, weil der andere richtig Hunger hatte, haben wir nicht gleich die Beziehung in Frage gestellt.

Patrick: Wenn es andere Probleme gab, war ich froh, dass Gwen dabei war. Dann hat uns das eher zusammengeschweißt. Dass man sich beraten oder den anderen fragen kann. Was hast du gerade für ein Gefühl? Sollen wir das machen? Außerdem mag ich es, Sachen zu analysieren und darüber zu sprechen, was den Tag über passiert ist. Ich hätte so eine Reise nicht alleine machen wollen. Ich möchte Erlebnisse mit jemandem teilen. Und das mache ich lieber mit jemandem, den ich sehr gut kenne, als mit jemandem, den ich unterwegs kennengelernt habe.

In eurer Dokumentation “WEIT” gibt es eine Szene, da steht ihr sieben Stunden an einer Straße in der Kälte, bis ein Auto angehält. Was macht man da?

Patrick: Ich habe meistens gefilmt.

Gwen: Ich habe viel gestrickt oder geschrieben. Oft haben wir Kniffel gespielt. Außerdem hat man ja etwas zu tun, weil man immer wieder aufstehen muss, wenn ein Auto kommt (lacht).

Patrick (lacht): Genau. Dieser Spannungsbogen ist ja immer wieder da: Uh, da kommt ein Auto. Halt an, komm schon, halt an…! Wenn man vorher wissen würde, dass man sieben Stunden wartet, wäre es anders. Aber man weiß es ja nicht.

Was hatten ihr alles dabei?

Gwen: Das Zelt, Isomatten, Schlafsäcke, einen Benzinkocher, ein paar Kleider, gute Wanderschuhe. Und immer ein paar Notrationen Essen. Polenta, Couscous oder Nudeln.

Wie viel Geld habt ihr ausgegeben?

Gwen: Die Reise haben wir über Erspartes finanziert. Zusammengelegt hatten wir 28.000 Euro. Und das haben wir auch gebraucht.

Gwen mit Baba Uljana aus der Ukraine und beim Wäschewaschen auf über 300 Meter in Kirgistan, 7 Stunden Warten auf ein Auto, das Zelt in Tadschikistan und ein selbstgebauter Unterschlupf im Wald (v.l.n.r.)

Seid ihr davor schon mal getrampt?

Gwen: Ja, oft. Wir sind große Tramperfans: Es macht total Spaß, man ist super flexibel, kommt direkt mit den Menschen vor Ort in Kontakt und man braucht dafür kein unerschöpfliches Sparkonto.

Patrick: Ich bin sogar übers Trampen zu meinem Beruf gekommen.

Wie das denn?

Patrick: Nach dem Abi bin ich durch Neuseeland getrampt. Ein Fahrer hat mich gefragt, was ich beruflich mache. Ich war damals noch nicht festgelegt, habe aber aus Spaß kleine Videos und kurze Filme gedreht und geschnitten. Der Typ meinte, er sei der Besitzer eines kleinen Fernsehsenders, und ob ich mir das mal anschauen wolle. Heute bin ich freiberuflicher Kameramann.

Eine Autofahrt, die dein ganzes Leben beeinflusst.

Patrick: Genau. Beim Trampen lernt man immer Menschen kennen. Leute, die jemanden mitnehmen, sind  interessiert. Oder sie wollen selbst was erzählen. Man fährt nicht einfach zusammen los ohne zu reden, fast jeder will nette Gespräche. Manchmal wird man auch spontan zu einem Fest mitgenommen, oder man kann irgendwo übernachten.

Waren wirklich alle Fahrer nett?

Gwen: Wir saßen in 667 Fahrzeugen. Nur bei einer Hand voll Fahrten wollten wir möglichst schnell wieder aussteigen. Einige Erlebnisse waren unangenehmen, nie aber wirklich bedrohlich. Als Patrick einmal auf dem Klo war, wollte ein Lkw-Fahrer etwas über unser Sexleben wissen. Wir sind auch mal bei Leuten mitgefahren, die total besoffen waren.

Patrick: Im Iran ist ein Fahrer auf der Autobahn, auf der wirklich viel Verkehr war, eingepennt.

 

Patrick: "Über das Trampen bin ich zu meinem Beruf gekommen."

 

Oh Gott, und dann?

Gwen: Wir haben geschrien, er ist aufgewacht und hat es zum Glück geschafft, den Wagen wieder unter Kontrolle zu bringen.

Und dann seid ihr ins nächste Auto gestiegen. Mutig.

Patrick: Wir sind beide schon viel gereist. Wir hatten ein Urvertrauen, weil das davor immer funktioniert hatte. Viele waren aber skeptisch, wenn wir erzählt haben, wir wollen auch nach Pakistan.

Hattet ihr vor Pakistan Muffensausen?

Gwen: Bevor wir eingereist sind, haben wir lange überlegt, ob wir das Risiko eingehen. Denn gerade in der Region, durch die wir reisen mussten, gab es einen politischen Konflikt.

Im Film sieht man, wie die Polizei euch sagt, ihr solltet lieber in der Polizeiwache schlafen. Klingt nicht ungefährlich.

Gwen: Vor der Einreise dachten wir, da sitzen überall Taliban und man muss darauf achten, nicht entführt zu werden. Die meisten sind dort aber ganz normale Leute, die mit diesem Konflikt nichts zu tun haben. Und die sich nichts sehnlicher wünschen, als nicht damit identifiziert zu werden. Wir sind definitiv ein Risiko eingegangen. Aber wir haben beim Grenzübertritt schon gemerkt, dass wir lebend wieder rauskommen. Es kann dort schon gefährlich sein, das ist aber nicht die Norm.

Patrick: In Pakistan wurden schon Touristen entführt, ja. Aber es sind dort doch einige Backpacker unterwegs und man muss tatsächlich viel Pech haben, um schlechte Erfahrungen zu machen.

Gwen: Wir hatten ursprünglich auch geplant, nach Afrika und Südamerika zu fahren. Aber dann war das Kind da, und wir haben das gelassen.

Auf einem geliehenen Motorrad in der iranischen Wüste, ein voll beladenes Auto, Patrick hält den Daumen in Zentralasien hoch, Zelt im Nichts, Warnschild in Pakistan (v.l.n.r.)

War es eigentlich geplant, ein Kind auf der Reise zu bekommen?

Gwen: Sagen wir es so, wir haben es nicht wirklich verhindert (lacht).

Für die Geburt eures Sohnes seid ihr nach Mexiko gefahren, eines der gefährlichsten Länder der Welt. Warum ausgerechnet dorthin?

Gwen: Wir waren in Nordasien und hatten vor der Reise ausgemacht, dass wir nicht fliegen, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie groß die Welt ist. Schiffe sind von dort aus nach Kanada, die USA oder Mexiko gefahren. USA und Kanada waren von der Visumsituation so beschissen, dass es keinen Spaß gemacht hätte. Die medizinische Versorgung wäre dort auch viel teurer gewesen. In der deutschen Botschaft in Mexiko wurde und gesagt, wenn wir in ein privates Krankenhaus gehen, würde es keinen Unterschied zum mitteleuropäischem Standard geben. So war es dann auch. Und günstig. Ein Ultraschall hat um die 30 Euro gekostet.

Patrick: Wir wussten: Wo wir mit dem Schiff lande, wird das Kind zur Welt kommen. Vier Monate hatten wir von der Ankunft bis zur Geburt. In dieser Zeit wollten wir uns einleben, ein Nest bauen, ein Auto kaufen. Wir haben uns aber auch immer offen gehalten, dass wir für die Geburt nach Deutschland zurückgehen, wenn es Komplikationenen geben sollte. Aber wir sind nach Mexiko gekommen, hatten nach zwei Wochen einen VW- Bus und zwei Hebammen, die auf unserer Wellenlänge waren. Nach vier Wochen hatten wir ein Häuschen zur Miete. Wie sind allerdings erst noch rumgereist um Mexiko kennen zu lernen und haben dann die letzten Wochen vor der Geburt auf dem Land gewohnt, mit einem kleinen Garten und einem Fluss vor der Haustür, in dem man schwimmen konnte. Total entspannt. Es hat sich einfach alles gleich gefügt, deswegen sind wir geblieben.

Wie fanden das eure Eltern?

Patrick: Wir waren nach anderthalb Jahren schon so in diesem Reisemodus, für uns war es normal, unterwegs zu sein. Wir wollten weitermachen. Unsere Eltern haben das verstanden, weil sie gemerkt hatten, wie gut uns die Reise tut.

Gwen: Wir wussten: Wenn wir weiter reisen, haben wir beide 24 Stunden für das Kind Zeit. Diesen Luxus hat man zu Hause nicht.

Patrick: Die ersten anderthalb Jahre waren wir immer bei Bruno.

Wir hat Bruno denn die Hitze Mittelamerikas vertragen?

Gwen: Damit hatten wir durchaus zu kämpfen. Als Bruno zwei bis drei Monate alt war, war es schon verdammt heiß.

Patrick: Wir sind dann in die Berge gefahren, in Mexiko gibt es ja auch Hochebenen auf 2000 Metern, da ist es dann auch in Mexiko frisch, die Nächte sind kühler. Wir wollten zwar das Reisen nicht aufgeben, aber haben uns natürlich auf unser Kind eingestellt, haben Dinge verändert: Wir haben das Trampen aufgegeben, hatten mehr Struktur und mehr Gepäck. Wenn unser VW-Bus nicht gerade gestreikt hat, hat alles gut funktioniert.

In Mexiko brachte Gwen Bruno zur Welt. Jetzt ging es für die drei vorsichtiger weiter - im dort gekauften Bulli

Verträumter Blick vor einer Moschee in Pakistan.

"Uh, da kommt ein Auto. Halt an! Komm schon, halt an…!"

Ihr wart drei Jahre unterwegs, ohne Probleme. Was meint ihr, woran das liegt?

Patrick: Vor allem daran, dass wir einfach neugierig waren und interessiert an den Leuten. Wir haben mit einem ehrlichen Strahlen und einem ehrlichen Interesse das Eis gebrochen. Die Menschen haben gemerkt: Die sind weit gereist, über Land, um sich das hier anzuschauen. Da entsteht ein positiver Vibe.

Wenn man fünf Stunden an einer Straße steht und dann hält ein Auto, würde  man die Leute am liebsten umarmen. Und dieser Funke springt oft über. Auf Reisen ist es allgemein so: Man sieht das, was man sehen will.

Gwen: Ich denke, was die Leute an unserem Film mögen, ist die Menschlichkeit, die uns begegnet ist. Dass wir überall gute Menschen getroffen haben. Ich würde aber nie sagen, dass alle Menschen gut sind, es gibt überall Arschlöcher, aber die sind nicht die Mehrheit.

Patrick: Manche Leute sagen, ihr habt Glück gehabt, dass alles gut gegangen ist. Ich sage, wir haben nur kein Pech gehabt. Das ist ein riesen Unterschied!

 

"Auf Reisen hat man weniger Ansprüche an sich selbst."

Jetzt seid ihr wieder zurück in Freiburg. Vermisst ihr das Reisen?

Patrick: Wir sitzen hier viel am Computer, haben viele Termine. Es ist nicht mehr so minimalistisch und konzentriert wie es auf der Reise. Das vermisse ich.

Gwen: Auf Reisen hat man weniger Bedürfnisse, nicht nur materiell. Man hat auch weniger Ansprüche an sich selbst, weil man so viel in der Natur ist. Ich habe auf unserer Reise immer gemerkt, dass mich Städte leicht überfordern können. Sofort hatte ich das Gefühl, Dinge zu verpassen oder nicht gut genug zu sein.

Patrick: ... Und wie scheiße unsere Klamotten sind.

Gwen: ... Genau. Wie sehen wir eigentlich aus? Aber diese Gedanken gab es nur in Städten: Sobald wir wieder in der Natur waren, waren wir viel zufriedener. Und vieles war einfacher.

Mit Männern in Pakistan. "Wir sind ein Risiko eingegangen. Die meisten dort sind aber ganz normale Leute, die mit dem Konflikt nichts zu tun haben. Und die sich nichts sehnlicher wünschen, als nicht damit identifiziert zu werden."

Patrick: Wir waren mal zehn Tage im georgischen Wald, haben niemanden gesehen und hatten nur unsere Basics dabei, das war super. Es gab halt niemanden um einen herum, der einem suggeriert hat, was man unbedingt braucht. Ich will dieses andere Leben gar nicht verteufeln, wir sind ja auch wieder zurück in dieser Welt, und das ist auch gut. Aber es ist schön zu wissen, dass es auch anders geht.

Die letzten Meter ging es zu Fuß nach Hause - von Barcelona nach Freiburg, und mit Bruno auf dem Rücken.

Wie ist denn euer Plan für die Zukunft, wieder mal ein normaler Job?

Patrick: Wir haben echt Lust, einen alten Bauernhof mit anderen Leuten zu kaufen und zu renovieren. Und dann entschleunigt leben. Viel im Garten arbeiten und draußen sein. Wir wollen uns nicht ausklinken und Aussteiger sein, aber eben möglichst nachhaltig leben. Und es soll ein kultureller Treffpunkt entstehen. Dann können wir die Welt zu uns nach Hause einladen und so einen zwischenmenschlichen Austausch schaffen.

Interview

Jennifer Köllen

Bilder

Patrick und Gwen

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Webseite zum Film WEIT

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