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Umweltschutz auf Galapagos

Max Martin war früher Unternehmensberater. Heute macht er in Equador etwas Sinnvolles.

13. März 2018

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Neues Leben: Max Martin lebt seit sieben Jahren auf einer Galapagosinsel und engagiert sich dort für den Umweltschutz. Die Einheimischen nennen ihn Eco-Max. Von ihnen hat er gelernt, wie man gut lebt.

Maximilian Martin
Maximilian Martin

Maximilian Martin, 34, hat Umwelttechnik studiert. 2011 wurde dem Kölner ein Job beim WWF auf den Galapagosinseln angeboten. Seitdem lebt er auf der Insel Isabela, mit nur 3000 Einwohnern. Heute ist er Geschäftsführer der Firma Orcatec und bringt so Umwelttechnik nach Ecuador.

„Was soll Selbstverwirklichung eigentlich bedeuten? Das wichtigste ist doch, sich klar zu werden, was man mit seinem Leben anfangen will. Komplett losgelöst davon, was der Vater oder sonst jemand von dir erwartet. Einfach nur die Frage zu beantworten: Was willst DU?"

Nachdem ich mehrere Jahre in der Unternehmens- und Umweltberatung gearbeitet hatte, war ich es irgendwann leid, meine Zeit in Büros zu verbringen und Präsentationen zu halten. Irgendwann wusste ich: Ich will endlich etwas bewegen. Ich will etwas anderes.

Für mich war immer klar, dass ich früher oder später für längere Zeit ins Ausland gehen werde. Als dann in Deutschland die Beziehung mit meiner Freundin zu Ende ging, war der Zeitpunkt gekommen.

Da hat sich Ulf gemeldet. Für den WWF hatte er auf der Galapagos-Hauptinsel Santa Cruz fünf Jahre an der Einführung von Recyclingsystemen für Müll gearbeitet. Er war auf der Suche nach Geldern und Leuten, die helfen, dasselbe auf der Nebeninsel Isabela aufzubauen.

Nach dem Jobangebot habe ich lange überlegt. Isabela hat nur 3.000 Einwohner, liegt 1000 Kilometer tief im Pazifik. Also echt am A… der Welt. Sehr weit weg von meiner Familie. Andererseits kann man dort surfen. Das Gedankenkarussell drehte sich im Kreis: Ob so eine Chance jemals wiederkommt?  Ist es ein Traumjob? Oder findet Ulf einfach keinen anderen Deppen, der auf der Insel das Recycling einführen will?

Maximilian Martin und Mitarbeiter seiner Firma Orcatec auf den Galapagosinseln.

Das wichtigste ist, sich klar zu werden, was man mit seinem Leben anfangen will. Losgelöst davon, was jemand von dir erwartet.

Irgendwann habe ich mir gesagt: Es ist immer besser, etwas zu machen, als es nicht zu machen. Bei einer großen Entscheidung weiß man sowieso nie, ob diese im Nachhinein richtig oder falsch war. Und zurück nach Deutschland konnte ich eh jederzeit.

Im „Paradies“ angekommen war ich erstmal euphorisiert. Die einzigartige Natur, das warme Wetter, die Riesenschildkröten, die Wellen, das Tauchen. Ich habe viel mit Touristen gemacht, gefeiert. Wenn ich mit denen gesprochen habe, sagten sie immer: Geil, du lebst auf der Trauminsel! Was sie nicht wussten: Gleichzeitig arbeitete ich in der lokalen Stadtverwaltung. Dort ticken die Uhren nicht nur langsamer, manchmal hat man sogar das Gefühl, sie laufen rückwärts. Kein Wunder, man ist ja umgeben von gemächlichen Schildkröten und Meeresechsen. So wurde meine Euphorie, das Recyclingsystem einzuführen, von der lokalen Lethargie erst einmal schwer abgebremst.

Das war nicht einfach. Ich musste meinen deutschen Anspruch sehr schnell anpassen, um nicht verrückt zu werden. Wenn man sich in Deutschland morgens zehn Dinge vornimmt und nur acht davon erreicht, ist der Tag nicht erfolgreich gewesen. Auf Isabela ist das anders. Man nimmt sich eine Sache vor, und wenn man diese erreicht, ist es gut. Falls nicht - auch gut. Dann wird es morgen nochmal versucht.

Ich war aber immer jemand, der sofort loslegen will. Deswegen war ich anfangs immer ungeduldig und habe meine Kollegen gefragt: „Wieso macht ihr das denn so und nicht so?“ Das wurde immer als Kritik aufgefasst, egal wie ich es formuliert habe. Da hatte ich erstmal einen schweren Stand.

Auch in der Gesellschaft hat es mich eine ganze Zeit gekostet, bis ich als “Local” angesehen wurde. Die hatten wenig Vertrauen mir gegenüber. Man muss bedenken: Die Galapagos waren früher Gefängnisinseln. Einige Opas und Omas, die dort leben, sind die schlimmsten Verbrecher der damaligen Zeit. Vielleicht waren die Einheimischen mir gegenüber deswegen so misstrauisch? Es hat fast zwei Jahre gedauert, bis sie mich akzeptiert hatten. Als ich das geschafft hatte, war alles einfacher.

Heute bin ich viel entspannter. Wenn ich das Gefühl habe, ich habe was geschafft, gehe ich an den Strand.

Maximilian Martin surft auf Galapagos.

Hier bekommt man immer Spitznamen. Früher haben sie mich etwas abfällig den Gringo genannt. Heute bin ich Mogli, oder der "falsche Deutsche". Weil ich immer zu spät komme und die Deutschen doch für ihre Pünktlichkeit bekannt sind. Die meisten nennen mich wegen meines Berufes aber Eco-Max.

Eco-Max weiß jetzt auch, wie er sich durchsetzen kann. Wenn ich aufzeigen kann, dass durch irgendeine Aktivität die Leute noch fauler sein können als bisher, dann machen sie auf jeden Fall mit. Nutzt euer Abwasser, dann müsst ihr euren Garten nicht mehr wässern! Nutzt meine Solarpanele, dann müsst ihr euch nicht dauernd um neues Gas kümmern!

Wir Deutschen wollen immer ganz viel machen, wir nehmen uns zehn Dinge parallel vor, von denen wir letztlich nur ganz wenige wirklich machen. Der Ecuadorianer nimmt sich eine Sache vor, und die macht er dann. Und ist glücklich dabei. Er stresst sich nicht.

Man sagt ja immer: Die Deutschen seien strebsam und fleißig. Aber das ist alles mit Stress und Einschränkung der Lebensqualität verbunden, obwohl es das gar nicht müsste. Die Lebensqualität hier ist in meinen Augen höher als in Deutschland. Die Lebensenergie wird hier als wertvoll angesehen, und Du entscheidest ganz allein, in was Du sie steckst.

Mittlerweile lebe ich ähnlich. Und bin viel entspannter. Wenn ich das Gefühl habe, ich habe was geschafft, dann gehe ich an den Strand. Wenn ich denke, „Heute schaffe ich eh nichts“, dann gehe ich auch an den Strand. Um Inspiration zu bekommen. Grundsätzlich trenne ich nicht mehr zwischen Freizeit und Arbeit.

Wenn man sich nicht verrückt macht, kann man trotzdem viel bewirken. In Deutschland dauert es wegen der Bürokratie ewig, bis etwas passiert. Hier geht das viel schneller. Mittlerweile gibt es auf den Galapagosinseln eine Verordnung für Elektroautos, ein Plastiktütenverbot, unser Abwassersystem wurde eben fertig gestellt. Auf Isabela steht jetzt die größte natürliche Pflanzenkläranlage Ecuadors – wenn nicht sogar Südamerikas. Das ist natürlich ein großer Erfolg. Das alles gibt mir das Gefühl, wirklich etwas bewirken zu können.

Maximilian Martin mit Freunden auf Galapagos.

Ich frage mich nicht, was mir fehlt. Sondern sehe die Dinge, die ich habe.

Die Menschen hier stressen sich nicht. Das bedeutet aber nicht, dass sie die Dinge nicht anpacken. Einmal wollte ich mit einem Arbeiter einen Baum pflanzen und sagte zu ihm: „Das können wir ja dann morgen machen.“ Er verstand das nicht. „Wieso, wir sind doch jetzt gerade hier! Wieso machen wir es nicht sofort?“ Diese Einstellung nutze ich heute in so vielen Situationen, mit Firmen und Politikern. Wenn mir jemand sagt, „Ja das machen wir, wir schreiben Ihnen ein Angebot“, dann sage ich: „Lass es uns sofort hier und jetzt fix machen.“ Dann merkt man genau, ob jemand wirklich interessiert ist, oder einfach nur redet.

Wenn Feierabend ist, treibe ich viel Sport. Hier kann man so viel machen: Surfen, windsurfen, segeln, tauchen, Rad fahren, und das alles in der schönsten Natur. Man hat saubere Luft, kaum Verkehr. Hier ist mir stetig bewusst, wie knapp die Ressourcen der Welt sind, denn wenn unser Cargoschiff nicht kommt, was zu 80-90 Prozent die Inseln mit Lebensmitteln versorgt, dann haben wir keine Eier und keinen Käse. Dadurch bin ich viel dankbarer, wenn ich diese Dinge habe.

Robbe am Strand von Galapagos

Deutschland vermisse ich schon, vor allem meine Familie und Freunde. Aber es ist ja immer eine Frage des Anspruches. Man will immer das, was man nicht hat. Ich versuche, mir abzugewöhnen, mich dauernd zu fragen, was mir hier fehlt. Sondern sehe eher die Dinge, die ich habe.

Text

Jennifer Köllen

Fotos

Maximilian Martin

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www.orcatec.in

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