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Das passende Leben

Der Entwicklungsforscher und Bestsellerautor Remo H. Largo hat ways2live erklärt, warum jeder nicht irgendein Leben führen kann. Sondern nur sein eigenes.

11. September 2017

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Führen wir wirklich das Leben, das wir leben wollen?

Remo Largo
Remo H. Largo

Remo H. Largo, geboren 1943, studierte Medizin an der Universität Zürich und Entwicklungspädiatrie an der University of California. Er ist Autor zahlreicher wissenschaftlicher Arbeiten und Bestseller, die sich mit der menschlichen Entwicklung befassen. Seine Bücher gelten als Klassiker der Erziehungsliteratur.

Ein erfülltes Leben. Ein Leben, das wirklich zu uns passt. Das wird wahrscheinlich dann real, wenn wir in uns hineinhorchen und das machen, was wir wirklich tun wollen. Wenn wir uns komplett freimachen von den Erwartungen, welche die Gesellschaft, die Eltern, oder Freunde an uns stellen. Und selbst wir stellen doch Erwartungen an uns, von denen wir uns irgendwann mal eingebildet haben, dass wir sie erfüllen müssen. Sind sie noch aktuell? Was wollen wir wirklich? Welches Leben würde uns wirklich glücklich machen?

Mit der Beantwortung dieser Fragen hat sich der Entwicklungsforscher und Bestsellerautor Remo H. Largo in seinem Lebenswerk beschäftigt. In seinem Buch "Das passende Leben" zieht er die Summe seiner jahrzehntelangen Forschungen und Erkenntnisse und zeigt uns, welche Bedürfnisse und Kompetenzen unsere Individualität formen, wie wir unsere Stärken, Begabungen, aber auch unsere Schwächen leben können, und was das passende Leben ausmacht. 

Wir finden wir unseren Weg? Wie finden wir heraus, was wir wirklich wollen? Das sind die Fragen, die wir auf ways2live in der Kategorie Coach versuchen, zu beantworten. Daher haben wir uns sehr gefreut, Remo H. Largo persönlich interviewen zu können. Es war das interessanteste Interview, welches ways2live-Gründerin Jennifer Köllen je geführt hat. Nach dem Interview erhielt sie von Remo H. Largo eine Mail, in der stand: "Man merkt, wie sehr Sie diese Fragen beschäftigen." Remo H. Largo weiß einfach Bescheid...

ways2live:

Herr Largo, warum ist es für manche Menschen so schwer, herauszufinden, was sie glücklich macht?

Remo Largo:

Keiner, der sieben Milliarden Menschen auf dieser Welt, ist gleich. Jeder hat seine eigenen Grundbedürfnisse, Kompetenzen und Vorstellungen. Das macht es uns so schwierig, den richtigen Weg zu finden. Denn dadurch kann jeder einzelne nicht irgendein Leben leben. Sondern nur sein eigenes.

In ihrem Buch und Lebenswerk „Das passende Leben“ schreiben Sie, wir hätten alle ganz unterschiedliche Grundbedürfnisse.

Jein. Alle Menschen haben zwar Bedürfnisse nach existentieller Sicherheit, körperlicher Integrität, Geborgenheit, Anerkennung und sozialem Status, Selbstentfaltung, sowie nach Leistung. Diese sind aber bei jedem sehr unterschiedlich ausgeprägt.

Inwiefern?

Jeder legt Wert auf unterschiedliche Dinge. Es gibt Menschen, die brauchen viel Geborgenheit, andere weniger. Letzteren ist eine Beziehung nicht so wichtig, die legen vielleicht mehr Wert auf sozialen Status und Reichtum. Wieder andere wollen nur ihre künstlerischen Begabungen verwirklichen und brauchen keine finanzielle Sicherheit. 

Seine Bedürfnisse  lassen sich oft nicht mit dem gesellschaftlichen Leben vereinen. Ein Langschläfer muss trotzdem morgens ins Büro. Ein freiheitsliebender Mensch zwängt sich für den Job in den Anzug. Wie viel Anpassung ist in Ordnung, und wann sind wir so fremdbestimmt, dass es uns nicht mehr gut tut?

Manche Kröten müssen wir schlucken. Aber es kommt ja nicht nur auf ein Bedürfnis an. Es geht darum, ob die Bilanz unserer Grundbedürfnisse einigermaßen befriedigt ist. Wenn wir größtenteils das Leben führen, das wir führen wollen, können wir manche Sachen ertragen. Passt es allerdings auch in anderen Bereichen nicht, stressen uns auch Kleinigkeiten viel mehr. Solange Sie sich gesund und wohl fühlen, ist die Anpassung ok. Wenn sie aber zum Beispiel Schlafstörungen entwickeln, ist das ein Problem.

Hat glücklich sein nicht auch etwas mit der eigenen Haltung zu tun? Manche Leute sind doch zufriedener, als andere.

Wir denken sehr oft, es ginge nur um eine bestimmte Lebenseinstellung, ob wir glücklich sind, oder nicht. Wir müssten nur unsere Einstellung ändern, und dann klappt das. Ich glaube: Ein Mensch kann nur glücklich sein, wenn seine individuellen Grundbedürfnisse befriedigt sind.

Ein Mensch kann nur glücklich sein, wenn seine individuellen Grundbedürfnisse befriedigt sind.

Manchmal haben Bedürfnisse aber auch ungesunde, psychische Ursachen. Wenn Menschen mit Bindungsangst das Bedürfnis haben, Bindungen zu meiden, und dann ihr Leben lang allein bleiben, geht es ihnen damit auch nicht gut.

Das stimmt. Ängste und andere psychische Defizite sollte man therapeutisch aufarbeiten. Um sich bewusst zu machen, woran das liegt. Und dann herauszufinden, wie groß das Bedürfnis, in diesem Fall nach Nähe, wirklich ist. Jetzt kommt das dicke Aber: Wirklich ändern wird sich derjenige erst, wenn er neue, positive und korrektive Erfahrungen macht. Dazu muss er den Mut finden, was zu riskieren. Und akzeptieren, dass es auch schiefgehen kann. Wer nichts riskiert, macht auch keine neuen Erfahrungen.

Mancher wartet auf den perfekten Partner, mit dem das Liebesglück kommen soll. Ist das eine gute Idee?

Das Perfekte gibt es nicht. Auch, wenn wir unsere Perfektionsgesellschaft uns das suggeriert. Zu erwarten, dass der Partner alle Bedürfnisse abdecken muss, überfordert jede Beziehung. Da wird man wirklich sein Leben lang auf der Suche sein, und keinen Partner finden.

Ist es irgendwann zu spät, sein Leben zu ändern und sein Glück zu finden?

Auf keinen Fall. Seinen Weg zu finden ist kein Ziel – sondern, wie man ja auch sagt, ein Weg. Wichtig ist es auch, sich frei zu machen von den Erwartungen anderer.

Natürlich muss die Umwelt eine Veränderung zulassen. Ich kenne einen Rechtsanwalt, der ist überhaupt nicht glücklich mit seinem Beruf. Wenn er abends nachhause kommt, töpfert er. Das liebt er. Viele Menschen müssen solche Kompromisse machen. Dieser Rechtsanwalt hätte als Töpfer kein Auskommen. Er könnte seine Familie nicht ernähren. Wenn es nicht anders geht, muss man Kompromisse machen.

Und wenn man an einen Punkt kommt, an dem man es nicht mehr aushält? Etwa im Job?

Viele ertragen die Arbeit in einer Bank oder Versicherung irgendwann schlicht nicht mehr. Weil der Job dermaßen eintönig ist und die Menschen sich fremdbestimmt fühlen. Es wird ihnen alles gesagt, sogar, auch wie sie mit ihren Kunden umgehen sollen.

Diese Menschen sind totunglücklich. Und sollten dringend etwas ändern. Einen anderen Job suchen oder zumindest einen guten Ausgleich schaffen. Sonst geht das auf die Psyche. Die Anzahl der Menschen, die wegen den Arbeitsbedingungen krank werden, also Despressionen oder psychosomatische Symptome entwickeln, nimmt ständig zu.

Oft findet man erst im Laufe des Lebens heraus, was einem eigentlich entspricht. Und es ist ganz sicher nicht so, dass Geld jeden glücklich macht.

Woran liegt das? An der Gesellschaft? Am Arbeitsklima? Leistungsdruck?

Das liegt daran, dass die Erwartungen, welche die Wirtschaft an den Menschen stellt, häufig nicht mit deren Grundbedürfnissen zusammen passen. Es gibt Menschen, die den ganzen Tag am Computer arbeiten, und glücklich sind. Man kann nicht sagen: Die Arbeitsbedingungen müssten so und so sein, und dann wären alle glücklich. Das stimmt einfach nicht.

Heute können wir doch angeblich alles werden, was wir wollen. Warum sind denn viele dennoch so unzufrieden?

Dass wir mit dieser Wirtschaft heute eine Wahlfreiheit haben, würde ich heftigst bestreiten. Deshalb, weil es nicht nur darum geht, ob wir viele Möglichkeiten haben. Sondern auch darum, ob wir etwas selbstbestimmt oder fremdbestimmt machen können. Die allermeisten Menschen sind heute total fremdbestimmt.

Außerdem würden viele Menschen lieber körperlich tätig sein, als den ganzen Tag vor dem Computer zu sitzen. Das ist aber kaum mehr möglich. Wir haben 70 Prozent Dienstleistung. Viele sitzen am Schreibtisch, obwohl ihnen das nicht entspricht. Ich habe in meinen Studien unglaubliche Sachen erlebt. Das Verrückteste war: Ein Junger Mann hat nach dem Abitur theoretische Physik studiert. Das Schlimmste, was man sich antun kann. Aber er hat das durchgezogen. Nach dem Abschluss kam er zu mir und sagte: So, und jetzt werde ich Schreiner. Das hat er gemacht.

Warum hat er denn nicht gleich nach dem Abi das gemacht, was er wirklich machen wollte?

Oft findet man erst im Laufe des Lebens heraus, was einem eigentlich entspricht. Und es ist ganz sicher nicht so, dass prestigeträchtige Berufe, in denen man viel Geld verdient, jeden glücklich machen.

Außerdem haben wir auch unterschiedliche Begabungen. Mein Cousin hat Physik studiert, meine Horrorvorstellung. Er sagt zu mir, er könnte nie meinen Beruf machen.

Genau. Man kann die Grenzen seiner Fähigkeiten nicht überschreiten. Damit müssen sich vor allem Eltern abfinden. Wenn man Kinder zu viel fordert, werden sie nicht besser - sondern nur demotiviert. Dass wir heute der Meinung sind, dass man, wenn man sich nur bemüht, alles erreichen kann, ist ein großes Problem. Das stimmt einfach nicht.

Woher weiß man, wo die Grenzen sind. Ob man seit Potential schon ausschöpft, oder nicht?

Ein Beispiel: Wenn man eine Fremdsprache lernen will, geht es zu Beginn ziemlich rasch. Aber irgendwann kommt man auf ein Plateau. Da können Sie sich noch so sehr bemühen, es wird nicht wesentlich besser werden. Ein sehr sicheres Zeichen ist, wenn man sich dabei unwohl fühlt. Symptome entwickelt, Kopfschmerzen bekommt, Bauchweh, Schlafstörungen. Wenn man sich komplett überfordert, kommt es sogar zur Depression oder zum Burn Out.

Und dann? Träume begraben?

Ich würde eher sagen: Frieden schließen. Ich habe vor einigen Jahren von einem jungen Amerikaner gelesen. Der hatte beschlossen, Golfprofi zu werden. Der hat sich gesagt: Ich mache sechs Jahre nichts anderes, als Golf zu spielen, da muss ich ja gut werden. Als ich das gelesen habe, habe ich mir gedacht: Das wird er nicht lange durchhalten. Da wird er bald an seine Grenzen stoßen. Jetzt sind diese sechs Jahre vorbei. Und der Mann hat sich eingestehen müssen: Ich kann gut Golf spielen. Aber ein Profi werde ich nie.

Ziemlich schmerzhaft, oder? Wie geht man gesund damit um?

Man sollte sich nicht selbst überfordern. Sondern seine Grenzen akzeptieren. So, wie man klein oder groß ist.

Es ist wichtig, sich zu fragen: In welchen Lebenssituationen war ich glücklich, und in welchen unglücklich?

Und wenn man einen Traum hat, der realisierbar ist?

Warum nicht ausprobieren? Ich kenne einen Mann, der arbeitete bei der Bank. Als er 50 war, hat er gesagt: Jetzt reicht es, jetzt halte ich es nicht mehr aus, jetzt ist wirklich Schluss. Dann hat er ein Rezept für einen einzigen Kuchen entwickelt. Das war ein totaler Erfolg. Er hat mehr verdient, als als Bänker. Das war natürlich ein sehr guter Kuchen. Was ich sagen will: Es gibt sehr viele Nischen, die man nutzen kann!

Wie findet man heraus, was man wirklich braucht?

Das geht nur über Erfahrung. Es ist wichtig, sich zu überlegen: In welchen Lebenssituationen war ich glücklich, und in welchen unglücklich? Dann beginnt man zu spüren, warum das so war. Was da zusammen gepasst hat, und was nicht. Und dann kann man daraus Konsequenzen ziehen.

 

Interview

Jennifer Köllen

Foto

Stefan Gelberg

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